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Überalterung: Deutschland in Panik



Deutschland ist von Panik befallen. Integrales Element der gegenwärtigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verzweiflung ist die panische Angst vor der fortschreitenden Überalterung der Bevölkerung, die angeblich nicht nur die Renten-, Pensions- und Krankenkassen in den Ruin treibt, sondern auch die Pflegeversicherung torpediert.

Der Anteil der versorgungsbedürftigen Alten an der Bevölkerung steigt rapide, sprengt den Generationenvertrag und bürdet den Jungen unfaire Lasten auf. Das behaupten jedenfalls unisono alle Gazetten, Politiker und Wissenschaftler.

Selbst durch einstimmige Wiederholung wird das Argument freilich nicht logischer. Es gibt keinen stichhaltigen Grund zur Panik vor Überalterung, und wer die Panik schürt, handelt verantwortungslos.

Ein Blick auf die Fakten: Im Widerspruch zu gängigen Langzeit-Prognosen der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland nimmt die Wohnbevölkerung nicht ab, sondern eher noch ein wenig zu. Zwar hat Deutschland eine der niedrigsten bereinigten Geburtenraten der Welt, doch im Gleichschritt mit der abnehmenden Fruchtbarkeit ist die Sterblichkeit gesunken, stärker als von den Demographen erwartet. Der Ausländeranteil hat sich stabilisiert, sodass keine starke Netto-Einwanderung stattfindet.

Das Phänomen “Überalterung” ist keineswegs neu. Im Prinzip altert die Bevölkerung ohne Unterlass seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Das hat Deutschland bisher keineswegs geschadet. Das Land hat heute, wie allgemein anerkannt wird, die gesündeste und aktivste Seniorengeneration, die es je gab.

Und nun soll diese erfreuliche Entwicklung plötzlich in eine Katastrophe münden? Gewöhnliche Logik lässt vermuten, dass das nicht stimmen kann.

Es ist ja nicht so, dass ein Prozess, der zwei Jahrhunderte lang die volkswirtschaftliche Gesamtproduktivität enorm steigerte, ins Gegenteil umschlägt. Steigende Lebenserwartung verminderte zunächst volkswirtschaftliche und familiäre Verluste durch hohe Kindersterblichkeit, und ermutigte sodann Humaninvestitionen in bessere Bildung und Gesundheit, da die höhere Lebenserwartung längere und damit bessere Nutzung dieser Investitionen ermöglichte.

Während die Kindersterblichkeit erfreulicherweise seit Jahrzehnten auf tiefem Niveau angekommen ist, ist der Prozess der steigenden Bildung von Humankapital dank höherer Lebenserwartung unverändert im Gange. Wer heute Scharen von Senioren die Hörsäle für Geschichte und Kunstgeschichte bevölkern sieht, erkennt das noch unausgeschöpfte Potential der Bevölkerung für lebenslanges Lernen.

Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg malt genüsslich das Gespenst einer auf über zwei Millionen anschwellenden Zahl von pflegebedürftigen deutschen Demenzkranken im Jahr 2050 an die Wand, die Hälfte von ihnen Alzheimer-Fälle. (Tagesspiegel, 12. 6. 2005, S. 8 “Denn sie wissen, was sie tun”.

Richtig ist, dass es bisher weder wirksame Vorbeugung noch Therapie für altersbedingte Demenz gibt. Dennoch erscheint die Lage nicht hoffnungslos. Eine italienische Studie hat gezeigt, dass Altersdemenz mit dem Bildungsgrad im ersten Lebensjahrzehnt korreliert. Die ersten Schuljahre sind entscheidend. Wer früh geistig angeregt und gefordert wird, fällt weniger früh der Altersdemenz zum Opfer. Andere Studien ergaben, dass geistige Tätigkeit im Alter — lesen, schreiben und Fremdsprachen sprechen — vor früher Demenz schützt.

Eine amerikanische Untersuchung von Hundertjährigen zeigte, dass etwa ein Drittel von ihnen der in diesem Alter normalen Demenz entkam und entsprechende Tests bestand, obwohl die neurophysiologische Untersuchung ihres Gehirns nach ihrem Ableben bei einigen unter ihnen sogar demenztypische Gehirnveränderungen diagnostizierte. Man vermutet, dass diese Individuen beizeiten Reservekapazitäten als Ersatz für die beschädigten Gehirnfunktionen aufbauen konnten. Interessant ist auch die Vermutung, dass Altersdemenz statt Ursache eher Vorbote baldigen Ablebens sein könnte.

Je nach Standpunkt kann man es als ein Beiprodukt oder als eine Motivation der sinkenden Fruchtbarkeit betrachten, dass Kinder heute viel intensiver betreut und gefördert werden, als dies noch in früheren Jahrzehnten der Fall war. Angesichts der zunehmenden geistigen Regsamkeit heutiger Senioren kann man hoffen, dass beide Faktoren gemeinsam den Eintritt der Altersdemenz hinauszögern, sie mildern oder zu vermeiden helfen könnten.

Wie man sieht, ist die übliche statische Betrachtungsweise einer dynamischen Entwicklung fehl am Platze. Die “Überalterung” der Bevölkerung ist eine positive Entwicklung, die es für die Volkswirtschaft und ihre sozialen Zielsetzungen zu nutzen gilt, indem man das Rentenalter schrittweise erhöht oder die Schwelle der Zwangsverrentung ganz beseitigt und den “Senioren” — die mehrheitlich ja keine Senioren im herkömmlichen Sinne mehr sind — die Möglichkeit zu weiterer produktiver Tätigkeit einräumt. Das nützt nicht nur der Volkswirtschaft und der Einkommenslage der “jungen Senioren”, sondern bekämpft auch Altersfrust und das Risiko früher Demenz.

Statt sich von Überalterungs-Predigern in Panik jagen zu lassen, wäre es besser, den Gang der Dinge in Ruhe abzuwarten und derweil alles zu tun, um die geschenkten zusätzlichen Lebensjahre der sogenannten “Senioren” besser produktiv für sie und die Volkswirtschaft insgesamt zu nutzen.

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—— Heinrich von Loesch